Birte-Antina Wegener

Riechtraining mit älteren Menschen

Dissertation, TU Dresden 

Wir riechen mit jedem Atemzug. Die bewusste Wahrnehmung eines Geruches bezieht sich meist auf besonders schöne oder unangenehme Gerüche. Riechen ist jedoch mehr als nurdas Wahrnehmen von Düften. Riechen ist Lebensqualität. Dies konnten vorhergehende Arbeiteneindrücklich zeigen. Ein Verlust des Riechvermögens wird in Bezug auf physiologischesÄlterwerden beobachtet. Eine Verschlechterung des Riechens kann ab dem 50. Lebensjahrbeobachtet werden. Hier scheinen zentrale sowie periphere Veränderungen durch den Alterungsprozesseine Rolle zu spielen. Auch nach Infektionen der oberen Atemwege und nachtraumatischen Ereignissen (z.B. Frakturen im Gesichtsbereich) wird häufig ein Riechverlustbeobachtet. Einschränkungen des Geruchssinnes stehen aber auch in Verbindung mit pathologischenVeränderungen des Zentralnervensystems. Studien zeigten einen Zusammenhangzu neurodegenerativen Erkrankungen, wie Morbus Parkinson und der Alzheimer-Erkrankung.Darüber hinaus konnte der Verlust des Riechens als Komorbidität bei Depression beobachtetwerden.

In den letzten Jahren versucht die Forschung vermehrt, Behandlungsmethoden für den Riechverlustaufgrund der unterschiedlichen Entitäten zu finden. Das Riechtraining in Form vonregelmäßiger, intensiver Exposition gegenüber Düfte spielt hier eine zentrale Rolle. Jedoch wurdeder Einfluss von regelmäßiger Exposition gegenüber Düften auf gesunde Menschen bishertendenziell wenig beforscht, insbesondere in älteren Kollektiven. Diese Studie setzt sich mitdieser wissenschaftlichen Lücke auseinander und fokussiert darüber hinaus potentielle Effekte des Riechtrainings auf die Stimmung und die Kognition von älteren, gesunden Menschen.

91 gesunde Probanden im Alter von 50 bis 85 Jahren nahmen an der vorliegenden Studie teil, 60Probanden in der Testgruppe und 31 in der Vergleichsgruppe. Das Studiendesign sah zwei Testungenim interdisziplinären Zentrum vor, mit einer fünfmonatigen Trainingsphase dazwischen.In der Trainingsphase führte die Testgruppe selbstständig ein tägliches Riechtraining durch, dieVergleichsgruppe löste zeitgleich ein zahlen basiertes Logikrätsel. In der ersten Testung wurdedas Riechvermögen mit Hilfe der „Sniffin’ Sticks“ evaluiert. Mit Hilfe einer NeuropsychologischenTestung wurde die kognitive Funktion gemessen. Für die Untersuchung der emotionalen Befindlichkeitwurden standardisierte Fragebögen verwendet. Nach fünf Monaten Training wurde dieTestung wiederholt. Die Daten wurden statistisch ausgewertet und verglichen.

Durch das Riechtraining konnte eine Verbesserung der Riechfunktion der Probanden in derTestgruppe nachgewiesen werden. Darüber hinaus konnten positive Effekte des Riechtrainingsauf die kognitive Funktion beobachtet werden, insbesondere auf die Wortflüssigkeit und dasKurzzeitgedächtnis. Die emotionale Befindlichkeit der Probanden zeigte sich ebenfalls positivvom Riechtraining beeinflusst.

Eine Verbesserung des Riechvermögens durch Riechtraining in erkrankten Populationen konntein vorhergegangenen Studien bereits gezeigt werden. Ein positiver Trainingseffekt in einergesunden, älteren Population konnte hier das erste Mal beobachtet werden. Ein Zusammenhangzwischen dem Riechvermögen und kognitiven Funktionen wurde bereits in Studien beschrieben,jedoch konnte ein olfaktorischer Trainingseffekt nicht auf die kognitiven Funktionen übertragenwerden. Dies gelingt dieser Studie in Bezug auf ältere, gesunde Menschen. Ein positiver Effektdes Riechtrainings auf das emotionale Befinden eines gesunden Kollektivs konnte mit dieserStudie zum ersten Mal gezeigt werden. Erklärungsansätze für diese Effekte können zum einen ineiner Verbindung zwischen dem Riechvermögen und dem limbischen System gefunden werden,aber auch in einer eventuellen neuronalen Reorganisation der durch das Richtraining aktiviertenzentralnervösen Areale.

Weiterführenden Studien obliegt es zu evaluieren, ob die beobachteten Effekte auf gesundejüngere Populationen übertragbar sind. Ebenfalls gilt es zu evaluieren, welche zentralnervösenProzesse im Detail von dem Riechtraining stimuliert werden und ob es zu neuronalen Reorganisationenkommt. Unabhängig davon ist ein regelmäßiges Riechtraining eine effektive, simpleund kostengünstige Methode, um die Lebensqualität von älteren Menschen zu verbessern.